Ich habe mich in mein Leben zurückgekämpft

Therapie
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2026

Monika Bieri litt an Long Covid. Doch bis die Diagnose klar war, vergingen fast zwei Jahre, in denen es ihr immer schlechter ging. Der EA hat sie in ihrem Zuhause in Escholzmatt besucht.

«Im Herbst 2023 war ich topfit, lief den Halbmarathon um den Sarner See, ging Biken oder Skifahren, arbeitete in der Fuchshaupt-Spielgruppe und kümmerte mich um meine Familie mit drei Kindern. Ich stand voll im Leben und war voller Energie.» So beschreibt Monika Bieri-Bucher aus Escholzmatt ihr früheres Leben. «Dann war ich im Oktober 2023 leicht erkältet und hatte in der Nacht zum 15. November plötzlich akute Atemnot, was sich aber erst mal wieder beruhigte.»

Ab dieser Nacht zum 15. November ging es ihr immer schlechter. Sie hatte mehrere körperliche Zusammenbrüche, war ohne Energie und erkannte sich selbst nicht mehr. All ihre Versuche, sich aufzuraffen, scheiterten. Ihr Weg führte sie von Arzt zu Arzt – immer mit demselben Ergebnis, dass ihr angeblich nichts fehlte. Stattdessen verschrieb man ihr ein beruhigendes und angstlösendes Arzneimittel aus der Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine, ein Psychopharmakon. «Frau Bieri, Sie haben ein psychisches Problem», habe ihr ihr Hausarzt damals erklärt. Doch für Monika Bieri fühlte sich das komplett falsch an.

Auf Psycho-Schiene abgeschoben

Trotz des Medikaments wurden ihre Symptome nur noch schlimmer: brennende Beine, starke Schmerzen im ganzen Körper, Gangunsicherheiten, permanenter Schwindel und Druck im Kopf. Sie verspürte keinen Hunger und keinen Durst. Ausserdem war ihr ständig kalt, dazu kamen enorme Schlafstörungen. «Und keiner nahm mich ernst», erinnert sich die 42-Jährige. Auch all die Standard-Untersuchungen wie Blutbild und EKG zeigten keine Auffälligkeiten; genauere Untersuchungen wurden allerdings nicht gemacht. Als sich keine Besserung zeigte, wurde sie in die psychiatrische Klinik Sarnen gebracht. «Jetzt tun Sie doch nicht so, kommen Sie mal aus dem Bett raus. Ihnen fehlt doch gar nichts», habe dort eine Pflegerin zu ihr gesagt. Und Monika Bieri wollte nur noch nach Hause. Zwei mehrwöchige Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, verbunden mit einer Psychopharmaka-Behandlung, folgten. Doch ihre Symptome verstärkten sich nur noch mehr. «Man meinte immer, mir fehle es im Kopf. Aber ich glaubte das nie!», erzählt die gelernte Bankkauffrau.

Hilfe von Komplementärmediziner

Im Sommer 2024, als Monika Bieri zu Hause war und ihr jegliche Kraft fehlte, sich um ihre drei Kinder zu kümmern, erfuhr sie vom Komplementärmediziner Mirko Cortese. Monika Bieri nahm per E-Mail mit ihm Kontakt auf und zum ersten Mal in ihrer Leidensgeschichte nahm sie jemand ernst. «Er hatte Patienten mit ähnlichen Symptomen», blickt sie zurück. Cortese veranlasste eine grosse Blutbild-Untersuchung und stellte viele bakterielle Infekte, unter anderen Borrelien und um das 60-fache erhöhte Spikes-Proteine, fest. Nach vielen Untersuchungen, auch am Kantonsspital, zeigte sich die Diagnose Post-Vac-Syndrom, also Long-Covid, und Small-Fiber-Neuropathie, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems.

Monika Bieri war unsagbar froh, sich endlich verstanden und ernstgenommen zu fühlen. Doch nun ging es daran, sich zurück ins Leben zu kämpfen. Der Behandlungsplan sah ab April 2025 mehrere Blut-Apheresen und Ozontherapien vor. Die aufwendige Prozedur der Blut-Apherese, einer Blutwäsche, dauerte zirka acht Stunden, die sie Zusammen mit einer Ernährungsumstellung, unter anderem dem Verzicht auf Milchprodukte, und Infusionen zum Wiederaufbau ihres Immunsystems kam langsam eine Linderung ihrer Leiden. «Jetzt bin ich bei ungefähr 80 Prozent meines Leistungsniveaus angekommen, davor waren es 10 Prozent. Ich kann meine Kinder wieder selbst versorgen, wieder Treppensteigen, ohne ausser Atem zu sein. Letzthin bin ich sogar wieder Ski gefahren» strahlt, Monika Bieri.

Spendenkonto eröffnet

Da ihre Krankenkasse keine Kosten für all diese aufwendigen Verfahren übernahm und ihre finanziellen Reserven aufgebraucht waren, eröffnete sie ein Spendenkonto auf der Plattform «Go-Fundme», um Geld zu sammeln. Monika Bieri erzählt: «Es kamen wirklich viele Spendengelder zusammen, meist von Leuten, die selbst nicht viel haben. Das hat mich sehr berührt.» Durch diese Sammelaktion entstand auch der Kontakt zu anderen Personen mit ähnlichen Krankheitsbildern in der Region. «Mittlerweile sind wir zu viert, ein erstes Treffen steht demnächst an», berichtet sie. Die 42-Jährige freut sich auf den Austausch und möchte mit ihrer Geschichte auch anderen Betroffenen Mut machen, für ihre Gesundung zu kämpfen. Unter ihre eigene Krankheitsgeschichte hat Monika Bieri mittlerweile einen Strich gezogen, obwohl sie das alles sehr geprägt hat. Doch nun hat sie ihr Leben wieder im Griff und will in einem kleinen Pensum auch wieder arbeiten gehen. «Ich habe mich zurückgekämpft und gebe nicht auf», lacht die zierliche Frau und man glaubt es ihr sofort.

Claudia Hoch-Rieger | Entlebucher Anzeiger | Freitag, 30. Januar 2026 – Nr. 8